Nevigeser Wallfahrtsdom von Gottfried Böhm, 1963-72. Foto: seier+seier (via Wikimedia Commons)

Betonkirchen – anziehend und kontrastreich

Der Brutalismus, dessen Name vom französischen „beton brut“, also dem „rohen Beton“ abgeleitet wurde, ist derzeit in aller Munde.

Denn die Gebäude dieses expressiven Architekturstils aus Sichtbeton der 1960er und 70er Jahre fallen auf – wenn auch nicht immer positiv, weil sich viele Leute mit der eher schmucklosen Architektur schwertun. Dabei verkörperten sie für ihre Schöpfer eine unverstellte und ehrliche Bauweise, die sich von der als dekoriert empfundenen und mit einem überkommenden Gesellschaftsverständnis verhafteten Architektur der Vorkriegszeit abhob. Insbesondere bei den öffentlichen Gebäuden der Nachkriegszeit, wie Schulen und Rathäusern, die das neue demokratische Ideal verkörpern sollten, kam dieser Stil zur Anwendung. Daneben gibt es aber auch viele Kirchengebäude, denen Beton eine besondere Ästhetik verleiht.

Doch sind diese brutalistischen Kirchen beliebter als andere Betonbauten? Das jedenfalls behauptet, Oliver Elser, Kurator des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, das kürzlich die Ausstellung „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster“ zeigte. Seine Beobachtungen schilderte Elser im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Im Gegensatz zu brutalistischen Profanbauten seien Kirchen dieses Stils seltener vom Abriss bedroht und würden sogar vermehrt unter Denkmalschutz gestellt. Die Akzeptanz sei deutlich höher, so Elser, weil Kirchen eine sehr skulpturale Erscheinung aufwiesen, die als Kunstwerk wahrgenommen werde. Vor allem im Kontext ihrer Entstehungszeit und ihrer räumlichen Umgebung, den oft sehr schlichten Siedlungen der Nachkriegszeit, wirkten die brutalistischen Kirchen als architektonische Sonderbausteine, deren Einzigartigkeit das Bild vieler Stadtteile prägt. Das bestätigt auch der Architekturkritiker Wilhelm Opatz, der sich vor allem mit dem Nachkriegskirchenbau in Frankfurt beschäftigt hat und deren beeindruckende Raumwirkung hervorhebt.

Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es viele Kirchen, in denen diese besondere Atmosphäre spürbar ist. Herausragendes Beispiel ist der Mariendom in Velbert-Neviges von Gottfried Böhm. Unumstritten ist diese Architektur aber nur selten. Vor allem wenn eine Kirche nicht mehr ihrer ursprünglichen Funktion dient, steht die von Elser wahrgenommene Begeisterung oft wirtschaftlichen Interessen gegenüber. Das sie inzwischen aber immer häufiger zur Pilgerstätte für junge Leute werden und „in den sozialen Netzwerken (...) die stylischen Fotos hundertfach gelikt und geteilt“ werden, wie der Deutschlandfunk feststellt, trägt sicher zu einer neuen öffentlichen Wahrnehmung der Betonkirchen bei.

Den gesamten Beitrag von Oliver Elser gibt es unter: www.deutschlandfunk.de

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