Sie haben sich gut vorbereitet. Gleich werden sie sich und die Räume in der ehemaligen Filiale der Volksbank an der Ückendorfer Straße 102 vorstellen. Die 8. Klasse der Gesamtschule Ückendorf wartet auf Andrea Henze, Oberbürgermeisterin von Gelsenkirchen, die gleich das Projekt „Eine Stadt für uns“ besucht.
Im Eingangsbereich gibt es einen von den Jugendlichen gestalteten Kiosk, wo Getränke und kleine Snacks angeboten werden; die Warenregale hat die Gruppe selbst gebaut. Ein schöne Möglichkeit, anzukommen und sich zu versorgen.
Direkt daneben befindet sich „ein Raum zum Chillen“, wie Seyla, Intisar und Asil erzählen. In dem von den Mädchen gelb und violett gestrichenen Raum steht nun ein Sofa und selbst gemalte Bilder hängen an der Wand. Außerdem trägt der Raum den Namen „SeInAs“ – es sind die ersten beiden Buchstaben ihrer Vornamen und ein Zeichen dafür, wie sehr sie sich mit dem Raum identifizieren. Dort kann man sich zurückziehen, Musik hören, Filme schauen oder sich mit Freundinnen unterhalten. Einen Durchbruch in der Wand wollte die Gruppe wieder schließen, um sich vom Kiosk räumlich abzutrennen. Stattdessen haben die Mädchen Elemente aus Pappe einer ehemaligen Ausstellung eingesetzt, die vor direkten Blicken schützen, zugleich aber nicht komplett abschotten und Austausch zulassen.
Die 8. Klasse hat in den vergangenen Monaten die leerstehende Immobilie umgestaltet und zu ihren eigenen Räumen gemacht. Denn davon gibt es in der Stadt zu wenige: Orte, an denen sich Jugendliche aufhalten, ungestört Zeit verbringen und ihren eigenen Interessen nachgehen können. Und das möchten sie der Oberbürgermeisterin vorstellen.
Santana Gumowski und Anke Kirchhoff von Baukultur NRW haben das Projekt organisiert und über das Schuljahr mit der Lehrerin Dunja Heinrich begleitet. Zentral für das Projekt war, dass die Jugendlichen erfahren, dass ihre Ideen wichtig sind und sie ihre Umgebung, in der sie leben, umgestalten können und nicht vor vollendete Tatsachen gestellt sind. Von der Stadtentwicklungsgesellschaft Gelsenkirchen (SEG) hat die Klasse die Fläche im Erdgeschoss zur Verfügung gestellt bekommen, sodass sie dort Räume nach ihren Vorstellungen einrichten konnten.
Zu Beginn ging es um erste Ideen und Wünsche, dann um das Sich-Finden in den Gruppen, später darum, den Räumen eine neue Bedeutung zu geben. Das Aufteilen der Räume hat viel über die Bedürfnisse und Charaktere verraten: Während die Mädchen eher die kleineren, ruhigeren Räume besetzen, haben die Jungen weiter hinten einen größeren Bereich eingenommen mit Platz, um sich zu bewegen.

Selbstwirksamkeit erfahren, Umwelt gestalten
Die Begleitung der 8. Klasse durch das Team des UmbauLabors von Baukultur NRW über ein gesamtes Schuljahr hat gezeigt, wie wichtig solche Projekte für junge Menschen sind. Indem die Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Raum in der Stadt nach ihren Bedürfnissen gestalten konnten, haben sie nicht nur ihre gebaute Umwelt bewusster wahrgenommen, sondern gelernt, sie aktiv mitzugestalten.
Dabei stand vor allem die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Mittelpunkt: Die Jugendlichen haben erlebt, dass ihre Ideen ernst genommen werden, dass sie ihre Vorstellungen formulieren und weiterentwickeln können – und dass diese tatsächlich auch umgesetzt werden. Ebenso zentral war es, ihnen Sprache und Begriffe an die Hand zu geben, um ihre Bedürfnisse klar zu benennen und konstruktiv zu kommunizieren.
Solche Räume und Projekte sind deshalb wichtig, weil sie jungen Menschen vermitteln: Eure Perspektiven zählen. Eure Ideen sind wertvoll. Und ihr habt das Recht und die Fähigkeit, eure Umwelt mitzugestalten.
Santana Ahmadifar & Anke Kirchhoff, Projekt UmBauLabor, Baukultur NRW
Während sich die Jungs verausgaben und Schweiß fließt, gibt es einen vierten Raum, in dem es viel ruhiger zugeht: Er ist zwar den Mädchen vorbehalten, Jungs sind aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen. „Girls Talk“ steht am Eingang.
Mit zwei Schiebetüren aus Glas lässt sich der Raum schließen. Innen steht ein Tisch, ein Spiegel hängt an einer Wand, die mit pinker Farbe gestrichen ist, an den anderen Wänden sind Zeichnungen zu sehen, z. B. ein großer Schmetterling, der für Freiheit steht.
Savleen erzählt der Oberbürgermeisterin, dass sie sich gefragt hätten, wie ein Raum aussehen sollte, in dem sich junge Frauen treffen könnten, wenn sie unter sich sein und private Dinge besprechen möchten – ob es nun Probleme sind, Schminktipps oder wann man sich in seinem Körper wohlfühlt. Die Schülerinnen haben sich damit einen geschützten Raum für sensible Themen geschaffen, in dem sie ohne Lehrkräfte und Eltern offen sprechen können und sie die Gesprächsrunden selbst organisieren.
Andrea Henze zeigt sich sehr interessiert beim Rundgang, stellt viele Fragen und ist begeistert, wie die Schulklasse ihre Bedürfnisse ausgehandelt hat: Welche Räume kann man in einer Gruppe wie nutzen? Beim abschließenden Austausch sagt sie „Ihr habt ein super Raumkonzept aufgelegt, mit Farben und Möbeln gespielt und viel Engagement hineingelegt.“
Wie es mit den Räumen weitergeht, wird derzeit noch mit der SEG und der Stadt Gelsenkirchen ausgelotet. Die Jugendlichen hoffen natürlich sehr darauf, „ihre“ Räume weiternutzen zu dürfen.


